Was ist eine Sekte ?

"Sekten" in Umgangssprache und Medien

Umgangssprachlich bezeichnet man heute alles mögliche als "Sekte"; es muß nur irgendwie bizarr sein und irgendeine Verbindung zu Ideologie oder Religion haben. Damit wird das Wort "Sekte" aber völlig falsch verwandt. Kein Wunder, denn vielenJournalisten fehlt eine größere Kenntnis über Religionen, Sekten usw.

Wo das Wort herkommt

Das Wort "Sekte" kommt von dem lateinischen Wort "sequi" = „jemandem folgen“ und hat ursprünglich die Bedeutung von Gefolgschaft, Partei, Schulrichtung, innerhalb einer bestimmten Religion. Sekte hat ursprünglich nichts mit secare = schneiden (wie z.B. "Sektor") zu tun.

Sekte: Die Bezeichnung kleinerer, meist von einer größeren christlichen Kirche abgespaltener religiöser Gemeinschaften (mhd. Secte) beruht auf einer gelehrten Entlehnung aus lat.-mlat. secta „befolgter Grundsatz, Richtlinie; Partei; philosophische Lehre; Sekte“. Das lat. Substantiv gehört vermutlich zu lat. sequi (secutum) „folgen“ (vgl. konsequent), wohl auf Grund eines alten Partizips *sectum „befolgt“. – Dazu das Substantiv Sektierer „Anhänger einer Sekte „ (Anfang des 16.Jh.s, unmittelbar abgeleitet von einem älteren Verb ‚sektieren’ „eine Sekte bilden“).
Aus: Duden „Etymologie“ Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, 2. Aufl. Mannheim 1989

Die "Wovon-Frage"  hilft weiter

Sekte ist also ein Beziehungsbegriff. Wollen wir wissen, ob das Wort "Sekte" sinnvoll verwandt wird, müssen wir nur fragen "wovon, von welcher Religion ist XY eine Sekte?" 
Kann man diese "Wovon-Frage" nicht sinnvoll beantworten, haben wir es nicht mit einer Sekte, sondern mit irgend etwas anderem (möglicherweise viel problematischerem) zu tun.

 

Christliche Sekten

Wenn wir eine religiöse Gruppe als christliche Sekte bezeichnen, so drücken wir damit vor allem Nähe und so etwas wie "Verwandtschaft" aus; sie gehört damit für uns im weiteren Sinne zur christlichen Religion. So betrachtet, verliert das Wort "Sekte" den Beigeschmack einer Beschimpfung.

Christliche Sekten und Sondergruppen sind eigentlich Abspaltungen von christlichen Kirchen. Manche Sekten kommen aus Nordamerika, z.B. "Jehovas Zeugen", aber einige christliche Sekten sind auch hier bei uns in Europa entstanden ("Neuapostolische Kirche"; "Johannische Kirche")

 

Was christliche Sekten von den Kirchen unterscheidet

Als (christliche) Sekten bezeichnen wir diejenigen christlichen Glaubensgemeinschaften, die

  • gegen die Kirchen der "altkirchlichen Bekenntnisse" (Apostolisches Glaubensbekenntnis, Nizänum und Athanasianum) Werbung und Mission betreiben

  • auf Grund von für sie maßgeblichen, außerbiblischen Wahrheits- und Offenbarungsquellen

  • Dabei stellen sie die Behaup­tung auf, sie hätten daher ein besseres oder vollständi­geres Wissen über die Per­son, die Botschaft oder den Weg Jesu von Nazareth als wir es in Neuem Testament und alt­kirchlichen Bekenntnis­sen finden können.

  • Nicht selten ergibt sich aus die­sem Anspruch dann auch eine Veränderung und Verminde­rung der Rolle Jesu Christi mit der Folge,

  • daß anderen Heilswege oder Heilsvermittler anstelle oder neben Jesus Christus als heilsnotwendig gelehrt werden. Eine solche Heilsnotwendigkeit kann die Mitgliedschaft in der jeweiligen Gemeinschaft sein, aber auch die Anerkennung der Ämter, Handlungen und Sonderlehren der Sekte.

  • Auch wird die Geschichte der Christen­heit und die Zusam­menarbeit mit Kirchen und ökumenischen Organi­sationen von vielen Sekten abgelehnt, weil und soweit dort die von der jeweili­gen Sekte gefunde­nen "Wahrheiten" nicht vor­handen sind.

  • Ein besonderes Merkmal vieler christ­licher Sekten ist es, daß sie selbst keinerlei eigenen diakonischen oder sozialen Einrichtungen unter­halten. Der Grund dafür liegt darin, daß für sie die Werbung und Warnung der Mit­menschen durch die Verkündigung der eigenen Sonderlehren wichtiger ist als jedes helfenden Tun.

Wie Sekten werben

Das werbende Auftreten christlicher Sekten im Bereich unserer Gemeinden und Einrichtungen ist vielfältig:

Längst gibt es nicht nur die traditionelle Werbung durch den

  • Verkauf von Büchern und Zeitschriften von Haus zu Haus.

  • Trauernde werden auf Friedhöfen angesprochen oder erhalten "persönliche" Briefe.
  • Jugendliche werden zu Sportveranstaltungen oder Sprachkursen eingeladen.
  • Familienabende mit Gesellschaftsspielen werden gestaltet.
  • Bibelfernkurse werden angeboten.
  • Altenheime und (auch kirchliche) Krankenhäuser werden aufgesucht, um Menschen über Gespräche anzuwerben oder Geld zu sammeln (Testamente!).

Christliche Sekten - eine Übersicht

Das kirchenoffizielle "Handbuch Religiöse Gemeinschaften" der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) rechnet heute zu den christlichen Sekten u.a.:

die Neuapostolische Kirche und weitere kleine "Apostelämter und -gruppen"

die Zeugen Jehovas (bekannt durch ihre Zeitschriften „Wachtturm“ und „Erwachet“)

die Christengemeinschaft, eine anthroposophisch geprägte Gruppe;

die Christliche Wissenschaft (in Amerika: Christian Science) eine christliche Sekte, die "positives Denken" und "metaphysisches Heilen" praktiziert und alle Krankheiten, Alter und Tod für "Irrtum und Täuschung" hält, die aber nicht wegen des Namensgleichklangs mit der Pseudo-Religion "Scientology" verwechselt werden sollte.

Sonderfall HLT-Mormonen

Die oft noch als christliche Sekte eingestuften sogenannten  HLT-Mormonen sind ein Sonderfall:

Die HLT- Mormonen ("Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage", auch „Utah-Mormonen) mit ihrem "Evangelium vom Ewigen Fortschritt" werden im  „Handbuch Religiöse Gemeinschaften“ nicht mehr als christliche Gruppe eingestuft "da der Bezug zum Christentum kaum erkennbar ist", sondern rubrizieren unter „Neue Religionen“.  [ Informationen zu den div. Mormonenrichtungen auf http://www.mormonentum.de ]